Der Sonntagnachmittag, an dem nichts passierte (und es war perfekt)

Der Sonntagnachmittag, an dem nichts passierte (und es war perfekt)

Es war letzten Sonntag, gegen 15 Uhr. Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, das Mittagessen lag schon lange zurück, und plötzlich kehrte Stille ein. Nun ja, nicht gerade eine friedliche Stille. Eher diese schwere, leicht elektrische Stille, die jenem Satz vorausgeht, den wir alle fürchten: „Mama, ich weiß nicht, was ich maaaaachen soll.“

Wir alle kennen diesen Moment. Wir blicken uns um, sehen die Lego-Kisten, die Bücher, die Kuscheltiere und fühlen uns fast schuldig. Wir fragen uns, ob wir einen Mal-Workshop vorschlagen, ein Brettspiel herausholen oder – aus purer Erschöpfung – dem Bildschirm nachgeben sollten. Wir haben dieses diffuse Gefühl, dass wir in unserer Rolle als „Unterhaltungschef“ versagt haben, wenn das Kind gerade nichts tut.

Was wir zu wissen glauben: Die Leere ist ein Problem, das gelöst werden muss

In unserem Alltag als Eltern haben wir oft das Gefühl, dass Zeit effizient genutzt werden muss. Wir füllen Terminkalender, planen Ausflüge, optimieren Fahrtwege. Schließlich betrachten wir die Langeweile des Kindes wie einen Motorschaden. Wenn sich das Kind langweilt, denken wir, es schaltet ab – oder schlimmer noch, es stellt aus purer Beschäftigungslosigkeit irgendetwas an.

Oft glauben wir, dass Förderung durch den ständigen Input von Außenreizen geschieht. Wir sagen uns: „Wenn er nichts tut, lernt er nichts.“ Also suchen wir nach der Lösung, machen Vorschläge, lenken und versuchen, die Flamme der Aktivität wieder zu entfachen. Wir haben Angst, dass diese Leere ein Zeichen von Traurigkeit oder mangelnder Neugier ist.

Was es wirklich bedeutet: Die Geburt der inneren Welt

Doch wenn man genau beobachtet, was nach diesen zehn Minuten des „Ich weiß nicht, was ich machen soll“ passiert, bemerkt man oft einen Umschwung. Letzten Sonntag, nachdem er mit schleifenden Füßen durch den Flur gewandert war, setzte sich mein Sohn schließlich mit einem Holzlöffel und einem alten Versandkarton auf den Boden. Fünf Minuten später war er nicht mehr im Wohnzimmer: Er saß am Steuer eines Raumschiffs und kochte gerade eine Kometensuppe.

Dieser Moment des Schwebens ist eigentlich das Gehirn, das in den „Default Mode“ (Ruhezustand) schaltet. Genau dann, wenn das Außen nichts mehr anbietet, übernimmt das Innen das Kommando. Langeweile ist keine Abwesenheit von Aktivität, sie ist das Labor der Fantasie.

Es ist der einzige Moment, in dem das Kind nicht auf eine Anweisung, eine Spielregel oder eine Erwartung reagiert. Es ist der Moment, in dem es sich selbst begegnet. Das ist ungemütlich, sicher – genau wie für uns, wenn wir unser Handy im Wartezimmer vergessen haben. Aber in diesem Unbehagen werden die verrücktesten Geschichten geboren.

Bei Alba Time haben wir oft bemerkt, dass Kinder, die die App nutzen, manchmal einfach nur gerne einer Geschichte lauschen, während sie an die Decke starren, ohne etwas anderes zu tun. Man könnte meinen, sie seien passiv, aber das Gegenteil ist der Fall: Ihr Geist erschafft gerade eine ganze Kulisse, die wir nicht sehen können.

Wie man darüber nachdenken kann: Die Leere anders betrachten

Anstatt Langeweile als Lücke in der Tagesplanung zu sehen, können wir versuchen, sie als Freiraum zu betrachten. Das ist nicht unbedingt einfach, denn es erfordert, die Unzufriedenheit des Kindes oder sein zielloses Umherwandern im Haus auszuhalten.

Wir können uns diese Fragen stellen: - Macht mir dieser Moment der Leere mehr Angst als ihm? - Was passiert, wenn ich nicht sofort etwas vorschlage? - Erlaube ich meinem Kind, einfach nur zu „sein“, anstatt immer etwas zu „tun“?

Es geht nicht darum, das Kind sich selbst zu überlassen oder nie wieder mit ihm zu spielen. Es geht nur darum anzuerkennen, dass das „Nichts“ eine sehr ernsthafte Arbeit ist. Es ist der Moment, in dem das Kind lernt, sich selbst kennenzulernen, seine eigenen Ressourcen zu testen und zu merken, dass es fähig ist, Langeweile in ein Abenteuer zu verwandeln, das ganz allein ihm gehört.

Letztendlich habe ich an jenem Sonntag nichts vorgeschlagen. Ich habe einfach weiter in meinem Buch gelesen. Und während ich meinen Sohn beobachtete, wie er diesen Karton in ein Raumschiff verwandelte, verstand ich, dass mein schönstes Geschenk nicht darin bestand, ihm eine Beschäftigung zu suchen, sondern ihm den Raum zu lassen, damit er seine eigene findet.